
»Tod, töter, am tötesten«, dachte JJ und beugte sich über die Leiche. Niemand, absolut niemand nannte Johanna John bei ihrem Namen – nicht einmal der Rektor der Universität, der Dekan der Fakultät ohnehin nicht. Es war ein Tabu. Unausgesprochen, aber gültig. Selbst im fernen Wissenschaftsministerium Stuttgart wurde die Ansprache respektiert. Außer in offiziellen Schreiben. So war es vereinbart.
Das war die Bedingung für ihre Rückkehr nach Tübingen. Sie hatte die Stadt vor Jahren verlassen. Nach dem Tod ihrer Eltern. Ein Segelunfall auf dem Bodensee. Eine Akte, zwei Beerdigungen. Danach hatte sie Abstand gebraucht. Von ihrem Elternhaus, von ihrem Erbe, von einer Stadt, in der jede Straße wusste, wessen Tochter sie war.
Sie war in die Vereinigten Staaten gegangen, nach Japan und nach Südafrika. Nicht, um ihre Ausbildung abzuschließen und ihre Karriere vorzubereiten, wie Doc es nannte. Um zu arbeiten. Exhumierungen, Massengräber, unbekannte Tote. Körper, die schwiegen. Lange genug, bis früher oder später ihr Name fiel, wenn irgendwo niemand herausfand, woran ein Mensch gestorben war.
Doc war ihr Doktorvater an der Eberhard Karls Universität. Und ihr Förderer. Ihr Mentor. »Es ist Zeit«, hatte er gesagt. »Zeit, dass du zurückkommst.« Und so war JJ vor knapp einem Jahr zurückgekehrt in die Provinz, in die heile Welt – nach Tübingen. Um die Nachfolge von Doc anzutreten. »Zurück ins Outback«, wie sie sagte. Um die Leitung des Instituts für Pathologie und Rechtsmedizin zu übernehmen.
Nicht, weil sie musste. Nicht wegen des Geldes und schon gar nicht wegen der Karriere. Die Charité hätte sie sofort genommen. Andere auch. JJ wollte nicht.
»Ein Sprungbrett für Berlin«, hatte Doc gesagt. Als sei Berlin eine Steigerung. Etwas weniger provinziell als Manhattan South, die Junkies im Central Park, die Langeweile in Pretoria oder die Unerträglichkeit am Hongō-Campus im Bezirk Bunkyō.
Berlin konnte warten. Sie vögelte ihren Reutlinger. Er war ihr passend über den Weg gelaufen. Ein wirklich lieber Kerl. Grundanständig. Er meinte es ehrlich mit ihr. Er liebte sie. JJ wusste das. Und trotzdem war sie sich nicht sicher: Mitleid oder soziales Projekt? Als Tübingerin keine einfache Frage. Ein Reutlinger? Mehr als schwierig. Wenn er sie besuchte, musste er um die Ecke parken. Ein Auto mit dem Kennzeichen RT vor ihrem Haus am Neckarufer hätte das Ansehen in der Nachbarschaft beschädigt. Oben am Österberg wäre es noch schlimmer gewesen.
Doc wohnte oben. Neben dem Haus ihrer Tante. Besuche ließen sich geschickt kombinieren. Beide Häuser würde sie erben. Das Anwesen ihrer Tante und das Haus von Doc sowieso. Er hatte es ihr gesagt.
Doc mochte Halterlose. Aber das war eine andere Geschichte. Wie so viele. Dafür war jetzt keine Zeit. Sie hatte eine ungeklärte Todesursache aufzuklären – wie es im Behördendeutsch hieß und ihr die Langeweile vertrieb zwischen Whiskey und Zigarillo.
Endlich. Ihre erste interessante Leiche seit ihrer Rückkehr. Nicht verstümmelt, nicht verbrannt. Weiblich, ungefähr Mitte vierzig. Und scheinbar in ihrer Dusche ertrunken. Herrlich. Ganz ihr Sinn für Humor.
Sie nickte den Jungs von der Spurensicherung knapp zu, ignorierte deren Blicke auf ihrem Hintern und lächelte. Ungeklärte Todesursache. Eine Formulierung, die so klang, als hätte sich jemand redlich bemüht, das Wort Mord zu vermeiden, und sich dabei mehr als drei Silben zu viel geleistet. »Back in the saddle«, dachte sie, holte tief Luft und glitt mit ihrer Nase langsam über das Gesicht der Toten.
»Na – das ist heute irgendwie nicht dein Tag, oder?«, flüsterte JJ leise in das linke Ohr, das nichts mehr hörte, und betrachtete nachdenklich das zufrieden entspannte Gesicht der Frau unter ihr.
Sie konnte es fühlen, riechen, schmecken – noch nicht greifen. Aber hier stimmte etwas nicht. Sie musste Kontakt mit der Toten aufnehmen, allein mit ihr sein. Mit ihr sprechen, sie spüren. Dann würde sie ihr letztes Geheimnis verraten. Nicht hier in der Dusche. Irgendwo, wo sie allein mit ihr war. Im Institut.
Für später hatte sie Lust auf Sex. Mit dem Reutlinger. Oder mit Doc. Egal. So wie es halt gerade reinpasste.